Wie funktioniert das Fliegen mit dem Gleitschirm?

Gleitschirmfliegen, das ist das Fliegen mit ein paar Quadratmetern Tuch welches über Leinen mit dem so genannten Gurtzeug verbunden ist. Heutige Gurtzeuge sind durchaus bequem und ermöglichen es dem Piloten Stundenlang in der Luft umher zu fliegen. Zusammengepackt lässt sich die komplette Ausrüstung in einem Rucksack verstauen und wiegt dabei nur etwas mehr als 10 Kilogramm. Gestartet wird mit einem Gleitschirm in der Regel an gemähten Bergwiesen indem der Pilot über Zug an den Gleitschirmleinen den Schirm mit Luft befüllt. Nur der mit Luft befüllte Schirm zeigt das typische Tragflächenähnliche Profil und ermöglicht den Vorwärtsflug/Gleitflug. Hierdurch unterscheidet sich der Gleitschirm von gewöhnlichen Rundkappenfallschirmen, welche lediglich die Vertikalbewegung abbremnsen und keine Vorwärtsfahrt aufweisen. Gesteuert wird der Gleitschirm über zwei Steuerleinen, welcher der Pilot während des Fluges in seinen Händen hält. Zug an der linken Steuerleine bringt den Schirm in eine Linkskurve, wohingegen der Zug an der rechten Leine eine Rechtskurve bewirkt. Die durchscnittliche Geschwindigkeit mit welcher sich ein Gleitschirm vorwärts bewegt liegt bei etwa 35 km/h, wobei Pilot und Schirm während des Fluges ca 1m Höhe pro Sekunde verlieren. Es geht also gemächlich aber stetig Abwärts! Um sich in der Luft zu halten und nicht wie es im Fliegerjargon heißt "Abzusaufen" muss der Pilot also Aufwinde finden die den Sinkflug entweder verlangsamen oder ihn sogar in die Höhe tragen. Da man Luft in der Regel nicht sehen kann erfordert es viel Erfahrung um anhand von Geländeverlauf, Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung etc. diese Aufwinde zu finden. Dies erfolgreich und zuverlässig zu erreichen ist die hohe Kunst unseres Sports und garantiert bei Erfolg unvergessliche Erlebnisse im Einklang mit der Natur.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen?

In Deutschland darf jeder mit Vollendung des 14 Lebensjahres die Ausbildung zum Gleitschirmpiloten beginnen. Unter 18 Jährige benötigen allerdings die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten. Generell stellt das Gleitschirmfliegen keine besonderen Anforderungen an die körperliche Fitness. Vielmehr sind Koordination, Feingefühl und ein gewisses räumliches Vorstellungsvermögen gefragt. Nicht zuletzt deshalb ist das Gleitschirmfliegen ein Sport der bis ins hohe Alter betrieben werden kann. Ein Beweis dafür ist auch das relativ hohe Durchschnittsalter der beim DHV (Deutscher Hängegleiter Verband) gemeldeten Piloten von 48 Jahren.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du sportlich genug für das Gleitschirmfliegen bist, empfehlen wir dir einen Schnuppertag. Du wirst schnell feststellen wie einfach es ist einen Gleitschirm zu starten und aus eigener Kraft erste kleine Flüge zu machen.

Pilotenausbildung (Quelle: DHV)

Schnuppertag und Grundkurs
Die meisten Flugschulen bieten Schnuppertage an, die Gebühren für den Schnuppertag werden üblicherweise auf den Grundkurs angerechnet, wenn du dich für die Gleitschirmausbildung entscheidest. Der Schnuppertag entspricht dem ersten Tag des Grundkurses.
Nach einer kurzen Einweisung machst du zuerst Startübungen im Flachen und danach erste kleine Flüge mit geringem Bodenabstand an einem kleinen Übungshang. An den folgenden Tagen trainierst du das Starten, Steuern und Landen des Gleitschirmes – immer unter Fluglehreraufsicht – am Übungshang. Hierfür solltest du vier Tage bis zu einer Woche einplanen.
Am Übungshang wird der Grundstein für deine ersten Höhenflüge am Berg gesetzt. Nach dem Grundkurs kannst Du bereits den Gleitschirm ohne Probleme starten, Kurven fliegen und landen.

Höhenflugschulung
Kurz vor dem ersten Höhenflug steigt die Spannung bei jedem Flugschüler. Ein einmaliges Erlebnis – das erste Mal allein in der Luft, der erste richtige Flug nach den vielen kleinen Flügen am Übungshang. Aber kein Problem für dich, die Tage am Übungshang haben dich ausgiebig darauf vorbereitet und zwei Fluglehrer – einer am Start - der andere am Landeplatz – helfen dir über Funk. Manche Flugschulen bieten auch Tandemflüge vor dem ersten Höhenflug an um dich an das Fliegen zu gewöhnen. Der Fluglehrer übergibt dir die Steuerleinen nach dem Start und so absolvierst du deinen ersten Höhenflug zusammen mit deinem Fluglehrer.
Mindestens 40 Höhenflüge brauchst du, bis du zur Prüfung zum Luftfahrerschein antreten darfst. Im Rahmen dieser Flüge lernst du selbständig den Landeplatz zu treffen, trainierst verschiedene Flugmanöver mit Funkunterstützung und gegen Ende der praktischen Ausbildung werden Prüfungsflüge geübt.
Bei entsprechendem Können und je nach Flugschule und Fluggebiet darfst du mit dem Höhenflugausweis – den dir deine Flugschule ausstellt – und einem Flugauftrag deines Fluglehrers auch schon während der Ausbildung in deinem Schulungsgelände völlig selbständig fliegen.

Theorieausbildung
Schon während dem Grundkurs lernst du theoretische Grundlagen des Gleitschirmsports. Im Rahmen der Höhenflugschulung besuchst du Theorieunterricht in den Fächer Flugtechnik, Wetterkunde, Technik und Luftrecht. Insgesamt 25 Unterrichtsstunden a 45 Minuten.

Kosten
Die Kosten für die gesamte Ausbildung bis zu Luftfahrerschein belaufen sich auf ca 1.500 Euro. Schnuppertage werden ab 50 Euro angeboten, der Grundkurs inklusive Leihausrüstung ca. 600 Euro.

Anschaffung und laufende Kosten

Die Anschaffungskosten für die Ausrüstung betragen in etwa:

  • Gleitschirm: 1.600-4.000 €
  • Rettungsschirm: 350-600 € (10 Jahre nutzbar; Wertverlust ca 60 €/Jahr)
  • Gurtzeug: 250-1.1000 €
  • Helm: 50-150 €

Gut erhaltene gebrauchte Komplettausrüstungen sind aber bereits ab 2.000 Euro zu bekommen.

Laufende Kosten:

  • Mitgliedsbeitrag im Deutschen Hängegleiterverband inklusive Haftpfilchtversicherung: 100-150 €
  • Packen des Rettungsschirms (jährlich): 20-25 €
  • Check des Gleitschirms (alle 2 Jahre): 150-200 €

Thema Höhenangst

Tatsächlich stellen Höhenangst oder die klassische Flugangst kaum ein Problem beim Gleitschirmfliegen dar. Warum das so ist, darüber kann nur spekuliert werden. Es wird vermutet, dass sich aufgrund des  fehlens eines festen Bodenkontaktes der Füße zum Untergrund der Gleichgewichtssinn ändert und daurch keine Höhenangst eintritt. Tatsächlich gibt es viele Gleitschirmpiloten die nur ungern ins Flugzeug steigen oder ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekommen wenn sie von einer Hochhausfassade blicken. Während des Gleitschirmfligens haben diese Piloten allerdings keine Probleme. Tatsächlich kann es aber zu einer Art Seekrankheit kommen, wenn sich der Gleitschirm in bewegter Luft aufschaukelt.

Wo kann man bei uns überhaupt Fliegen gehen?

Tatsächlich bietet der Raum um Karlsruhe sehr gute Möglichkeiten um Regelmäßig in die Luft zu kommen. Unsere Mittelgebirge Pfälzer-Wald, Schwarzwald und die nahegelegenen Vogesen verfügen über zahlreiche Fluggebiete die sich hervorragend zur Ausübung unseres Sports eignen.

Varianten des Gleitschirmfliegens

Hike and Fly

Der Ursprung des Gelitschirmsports erlebt gerade eine Renaissance. Der Name ist dabei Programm, Rucksack auf den Rücken, Bergtour starten, eventuell auf dem Gipfel ein Biwak aufschlagen und bei Sonnenaufgang ins Tal abgleiten. Auf diese Art des Fliegens wurden schon Großgebirge wie die Alpen nur zu Fuß und mit dem Gleitschirm überquert.

Acro

Das Akrobatik Fliegen spektakulärer Manöver mit Namen wie Infinity-Tumbling, Wingover, Sat, Helicopter, etc findet aus Sicherheitsgründen meist über Wasser statt. Acropiloten sind sicherlich die technisch besten Gleitschirmpiloten mit der größten Schirmbeherrschung.

XC

Streckenfliegen! Schneller, höher, weiter Fliegen wollen die Piloten dieser Kategorie und Messen sich untereinander in Onlinecontests rund um den Globus. Gepunktet wird über erflogene Kilometer welche über ein GPS-Gerät getrackt und ausgewertet werden. Flüge über 300km sind bei den Cracks dabei heute keine Seltenheit mehr.

Wettbewerb

Beim Wettbewerbsfliegen geht es darum bestimmte GPS-Koordinaten in einer vorgegebenen Reihenfolge als schnellster abzufliegen. Die Piloten starten dabei innerhalb eines festgelegten Zeitfensters und warten gemeinsam in der Luft auf den Startschuss. Ab diesem Moment wird geraced! Wer es als erster Schafft die vorgegebenen GPS-Punkte abzufliegen bekommt die meisten Punkte und gewinnt.

Ist Gleitschirmfliegen gefährlich?

Die Fragen aller Fragen ist sicherlich nicht kurz zu beantworten. Rein statistisch gesehen kommt es im Jahr zu ca 10 tödlichen Unfällen Deutscher Gleitschirmflieger im In- und Ausland bei insgesamt ca 35.000 gemeldeten Piloten. Trotz steigender Pilotenzahlen ist diese Zahl über die letzten Jahre stabil, was für einen Sicherheitszuwachs durch verbesserte Ausrüstung und verbesserte Pilotenausbilung spricht. Um diese Zahlen besser einordnen zu können muss man allerdings verstehen, dass es verschiedene Varianten des Gleitschirmsports gibt. Der Genusspilot, welcher früh Morgens oder Abends zum Fliegen geht, wenn die Luftmasse noch ruhig und nicht durch thermische Aufwinde zersetzt ist, hat sicherlich ein sehr viel geringers Risiko in Schwierigkeiten zu geraten als der eher sportlich ambitionierte Pilot, der in der Mittagszeit die starken Aufwinde sucht, um weite Strecken zu fliegen. Des weiteren sind die heutigen Gleitschirme in verschiedene Klassen eingeteilt. So genannte A-Schirme sind dabei die Schirme mit der höchsten "passiven" Sicherheitsreserve und eignen sich vor allem für Flugeinsteiger. Passiv bedeutet dabei, dass der Schirm auch ohne das aktive Eingreifen des Piloten in turbulenten Situationen eine gewisse Stabilität beibehält und sozusagen Arbeit für den Piloten überrnimmt. Schirme der Kategorie C sind eher sportliche Modelle und auf keinen Fall für Flugeinsteiger geeignet. Um solche Schirme sicher und gut fliegen zu können braucht es schon einige Jahre Flugerfahrung und viele, viele Stunden Airtime. Diese Schirme erfordern das aktive eingreifen des Piloten in turbulenten Situationen, um z.B. ein Einklappen des Schirmes zu verhindern bzw. diesen nach dem Einklappen wieder zu öffnen.

Eine weitere und wahrscheinlich die wichtigste Komponente, welche die Sicherheit beim Fliegen beeinflusst ist das Wetter. Viele Unfälle sind auf Fehleinschätzungen der jeweiligen Wettersituation zurückzuführen oder Schlimmer: Der Pilot hat für sich selbst die Situation sogar als kritisch eingeschätzt geht aber dennoch fliegen, weil er z.B. keine Lust hat den Berg hinunter zu laufen oder weil am Himmel andere Piloten zu sehen sind. Eine realistische Selbsteinschätzung ist sicherlich eine der wichtigsten Charaktereigenschaften die ein angehender Gleitschirmpilot mitbringen muss. Es kann durchaus sein, dass ein erfahrener Pilot bei Starkwind noch Spaß am Fliegen hat, wo ein anderer schon in ernsthafte Probleme gerät.

Sicherlich ist und bleibt Gleitschirmfliegen eine Risikosportart! Wer allerdings besonnen mit realistischer Selbsteinschätzung und Schritt für Schritt an diesen wunderbaren Sport herantritt, der kann bis ins hohe Alter bei geringem Risiko fliegen gehen und unvergessliche Momente erleben.